1. DER MENSCH ALS SUPRAORGANISMUS

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Jeder Mensch allein ist ein eigenes komplexes System aus vielen Funktionen. Dazu kommen noch bis zu 100-mal mehr Funktionen, die Bakterien in und auf jedem Menschen für diesen übernehmen. Die Symbiose aus unseren Körperzellen und unseren Bakterien ermöglicht wichtige gesundheitserhaltende Funktionen. Abwehrmechanismen gegen Schadstoffe, Einleitung von Heilungsprozessen, Produktion von lebenswichtigen Vitaminen oder die Regulation von Appetit oder Hunger. Die Mikrobiota-Zusammensetzung in Erwachsenen ist sehr vielfältig und stabil. Je nach Lebenssituation und Bedürfnissen kann sich die Bakterien-zusammensetzung an den Menschen und die entsprechenden Umstände anpassen. Noch ist nicht ganz genau geklärt, welche und wie viele Bakterien zu einem gesunden Menschen gehören, wie groß die Schwankungen in jedem Individuum sein können und welche Änderungen normale Alterserscheinungen sind. Aber schon jetzt ist klar, dass die Darmbakterien maßgeblich über die Ernährung und den Lebensstil gesteuert werden können.

Fig. 1: Die Bakterienzusammensetzung, auch Diversität genannt, ändert sich über das gesamte Leben. Der Abfall der Diversität im Alter ist verbunden mit einer Zunahme von chronischen Entzündungen und einer Abnahme an Mobilität und Vitalität.

Ein weiteres großes Forschungsgebiet, die Neurogastroenenterologie, beschäftigt sich derzeit mit den Wechselwirkungen von Darm-Bakterien und dem Gehirn.  Über Botenstoffe und Anregung von Nervenbahnen können Bakterien im Darm aktiv Stoffwechselprozesse im Gehirn steuern. Stoffwechselprozesse, die weit über die Beeinflussung der Nahrungsaufnahme oder Verdauung hinausgehen.

Mittlerweile werden viele Krankheiten mit einer veränderten Mikrobiota-Zusammensetzung assoziiert. Beispiele dafür sind Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, Störungen des Immunsystems, Stress Reaktionen, Alzheimer, Autismus oder Depression.

„Man ist so jung wie man sich fühlt.“ Und wie jung wie man sich fühlt, hat anscheinend auch damit zu tun, wie unsere Darmbakterien verteilt sind und so auch die Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter erhalten. Eine Studie, die 2012 von Paul O’Toole in Cork in Irland durchgeführt wurde zeigte, dass Menschen, die in ein betreutes Wohnen übersiedeln, im ersten Jahr einen starken Verlust an der Vielzahl ihrer Darmbakterien haben. Die Arten, die sie dabei verlieren, variieren stark zwischen den einzelnen Personen. Dadurch kann sich die Mikrobiota zweier älterer Menschen stärker voneinander unterscheiden als die zweier jüngerer Menschen. Personen, die im Alter noch allein wohnen, haben eine ähnlich vielfältige Mikrobiota wie jüngere Menschen. Der Verlust der Artenvielfalt der Bakterien ging zeitgleich einher mit einem Verlust an Mobilität, mehr Entzündungen und weiteren Begleiterkrankungen.

Kontrovers diskutiert wird, ob sich die Darmbakterien durch das Altern an sich ändern oder ob die altersbedingten Effekte die Zusammensetzung der Darmbakterien ändern. Eine Veränderung des Lebensstils und eine Änderung im Ernährungsverhalten sind die wichtigsten Ursachen.  Das Immunsystem wird ständig  durch die vielen Abbaustoffe der  Bakterien stimuliert. Bakterien im Verdauungssystem sind auch der erste Schutz vor eindringenden Krankheitserregern. Der Darm mit seiner bakteriellen Besiedlung ist das größte immunbildende Organ des Menschen und so erscheint es plausibel, dass eine Änderung in diesem Organ eine Änderung der gesamten Lebensqualität mit sich bringt.

Fig.2: Einfluss von Genetik und Umwelt auf Alterungsprozesse beim Menschen. (Quelle: Boehm et al., 2013, Bioessays)

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